„Das macht nicht Mama, das macht sich von alleine!“

In vielen Familien, Kindergärten und Schulen kann man ihn finden: den Jahreszeitentisch. Er ist ein beliebtes Mittel mit Kindern den Jahreslauf zu erleben.

So viele habe ich schon gesehen und so viele Anregungen und Anleitungen gibt es dafür, aber doch ist jeder anders, so wie auch jeder Mensch anders ist und jeder Baum oder Strauch oder jedes Tier.

Der Anfang

Um selber einen Jahreszeitentisch zu gestalten, braucht man eigentlich nicht viel. Am wichtigsten ist es, einen Ort zu finden, der gut gesehen wird. Bei uns ist es eine breite Fensterbank. Eine Kommode, ein Regalbrett an der Wand oder ein kleiner Schrein sind auch sehr schöne Orte dafür. Es sollte ein Ort sein, der nur dafür genutzt wird. Ich denke „Mutter Erde“ würde es nicht so gerne mögen, wenn sie plötzlich einen Schlüsselbund in ihrem Reich findet, auch wenn er da nur ganz kurz liegt.

Hat man einen schönen Ort ausgewählt, reicht es für den Anfang, einfach nur ein schönes Tuch hinzulegen, einen kleinen Strauß und einen zur Jahreszeit passenden Tischkunstdruck oder eine Postkarte aufzustellen. Vielleicht haben Sie einen schönen Edelstein oder eine Druse dazu. Im Laufe der Zeit sammelt sich so allerhand, das dann jedes Jahr wiederkehren kann oder in verschiedenen Kombinationen andere Bilder ergibt.

Die Tücher bilden die Grundlage, um die Stimmung der jeweiligen Jahreszeit einzufangen. Es empfiehlt sich, einen Gegenstand zu haben, der immer auf dem Jahreszeitentisch zu finden ist. Gut eignet sich dafür eine Wurzel oder eine große Druse. Rund um diesen Gegenstand tummelt sich das Leben, und an ihm sieht man den Lauf der Jahreszeiten. Im Frühling sitzen erste Käfer auf der Wurzel, im Sommer kommen Vögel und Blumenkinder dazu und im Winter liegt vielleicht Schnee darauf.

Bei vielen ist „Mutter Erde“ die zentrale Figur. Sie weckt wie in dem Buch „Etwas von den Wurzelkindern“ im Frühling ihre Wurzelkinder, die dann nach und nach zu Blumen werden und sich im Herbst langsam wieder zurückziehen.

Kinder lieben den Jahreszeitentisch; die kleinen das Geheimnisvolle und die größeren das aktive Mitgestalten. Auch wenn der Jahreszeitentisch sich eigentlich ganz von selber verändert, ohne dass die Kinder es mitbekommen, ist es toll, wenn schöne gesammelte Dinge von draußen dort einen Platz finden. So merken die Kinder, dass sie wirkliche Schätze gefunden haben, die sie der Mutter Erde vor die Füße legen dürfen.

Die Gestaltungsmöglichkeiten sind sehr groß. Es gibt viele Anregungen und Ideen. Aber ob der eigene Jahreszeitentisch voll ist mit Blumenkindern, Zwergen, Elfen, Tieren oder ganz einfach gehalten ist, nur mit einem Tuch, einem Blumenstrauß und einem schönen Kunstdruck, muss jeder für sich sehen. Jeder Jahreszeitentisch sieht anders aus und passt genau richtig zu der Familie, Klasse oder Kindergartengruppe.

Wozu ein Jahreszeitentisch?

Der Jahreszeitentisch bringt das Geschehen draußen in der Natur in unsere Wohnzimmer und zeigt uns die Veränderungen, die sich bei den Pflanzen jedes Jahr im gleichen, kontinuierlichen Lauf vollziehen. Als ich noch ein Kind war, war es für mich aber immer auch ein Stück Voraussicht, was bald geschehen wird. Wenn die Mutter Erde mit ihren Kinderlein kam, wusste ich, bald werden die Blumen anfangen zu sprießen und zu blühen, der Sommerbaum leitete den Sommer ein und König Winter sagte mir, jetzt ist es Zeit zum Schlitten fahren. Ob dann wirklich der Schnee kommt ist leider eine andere Frage, aber ich wusste, es ist Zeit dafür.

All diese Figuren, die im Laufe des Jahres auf unserem Jahreszeitentisch erschienen, haben mir aber auch immer die Gewissheit gegeben, dass es auf unserer Erde auch Wesen gibt, die man nicht immer sehen kann. Ich hatte leider noch nicht das Glück einen Zwerg oder eine Elfe mit eigenen Augen zu sehen, trotzdem habe ich keine Sekunde daran gezweifelt, dass es sie gibt. Und zum Glück tauchten sie immer wieder auf unserem Jahreszeitentisch auf.

Heute darf ich selber einen Jahreszeitentisch für meine Kinder gestalten. Und es macht wirklich Spaß, denn ich merke, es kommt viel von den Kindern zurück. Noch ist er etwas „Heiliges“, etwas zum Anschauen, aber nicht zum Anfassen. Einmal sagte jemand zu meiner Tochter, als sie etwas von unserem Jahreszeitentisch herunter nehmen wollte: „Das musst du da stehen lassen. Da hat sich deine Mutter viel Mühe mit gemacht.“ Meine Tochter antwortete daraufhin empört: „Das macht nicht Mama. Das macht sich von alleine.“

Ein Jahreszeitentisch ist einerseits ein Ort der Ruhe und Beständigkeit. Er ist da und kann bestaunt und wahrgenommen werden. Andererseits zeigt er uns Veränderungen und Lebendigkeit im Jahreslauf. Meistens verändern sich die Dinge dort sehr sachte und nicht immer sofort sichtbar. Aber trotzdem passiert etwas, sodass im Sommer kein König Winter mehr dort steht, sondern vielleicht ein einladender Teich an dem sich Enten tummeln und Blumen sprießen.

Die vier Jahreszeiten

Für den Frühling ist es gut, Tücher in hellen Grüntönen als Grundlage zu nehmen. Eine Ecke kann man ein bisschen hochziehen, sodass sich dort eine kleine Höhle, oder ein Hintergrund bildet, wo man beispielsweise die Wurzel platzieren kann. Im ganz frühen Frühling kommt Mutter Erde und weckt eins nach dem anderen ihre schlafenden Wurzelkinder. Aus den kleinen Geschöpfen werden allmählich Blumenkinder. Die ersten Käfer krabbeln im Gras und in einer Vase stehen Weidenzweige mit den ersten Weidenkätzchen. Auch Frühblüher wie Forsythie sind ein toller Schmuck auf dem Jahreszeitentisch. Zu Ostern kann man bunt bemalte Eier an die Zweige hängen und Küken, Häschen oder Lämmchen im Gras verstecken. Im Frühling werden auch die Vögel wieder lauter. Manche kommen von einer großen Winterreise wieder. So kann man Nester bauen und dort kleine Vögel hinein setzen.

Im Sommer sind die Tage lang und wir feiern Sommerfeste und Johanni. Für viele Familien ist der Sommer Urlaubszeit. Auch auf unserem Jahreszeitentisch wird es grüner, bunter und lebendiger. Den Unter- oder Hintergrund kann ein grünes Tuch bilden. Darauf kann eine Waldlandschaft, eine Blumenwiese, oder mit Hilfe eines kleinen blauen Tuches oder einer Wasserschüssel ein kleiner See entstehen. Tiere kommen aus einem Wald, Vögel sitzen in den Bäumen, eine Blumenwiese wird von bunten Blumenkindern bevölkert, ein kleines Erdbeerkind sitzt in einem Wagen, ein paar Bienen schwirren über einem Blumenstrauß oder eine Pferdekutsche fährt über ein Feld. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zu Johanni kann ein Feuer „entzündet“ werden.  Ein Feuer lässt sich ganz einfach mit Stöckchen und roter, gelber sowie orangener Wolle gestalten. Es müssen aber nicht unbedingt Menschen um das Feuer tanzen. Auch Elfen, Feen und Zwerge freuen sich, um ein Johannifeuer tanzen zu dürfen. Während der Sommerferien  kann auf dem Jahreszeitentisch eine Urlaubslandschaft entstehen. Ein blaues Tuch mit einem Streifen Sand, lassen uns sofort an Möwengeschrei, Meeresgeruch, Muscheln sammeln und unseren Badeanzug denken.

Der Herbst bringt uns leuchtend bunte Blätter, viele reife Früchte und tolle Erntefeste. Jetzt werden die Tage wieder kühler, oft auch nasser und der Wind treibt die Zugvögel wieder in den Süden. Auf unserem Jahreszeitentisch halten Rot-, Gelb- und Orangetöne Einzug. Sträuße aus Kornähren, Gräsern, Hagebutten oder Strohblumen können Verstecke für kleine Mäuschen sein, die sich einen Wintervorrat anlegen. Eine Mühle kann Sinnbild für die Erntezeit sein. Aber auch kleine Äpfel, Maiskolben, Pilze, Eicheln, Kastanien und Nüsse läuten den Herbst auch auf dem Jahreszeitentisch ein. Bunte Drachen schaukeln im Wind und viele Tiere bauen sich Höhlen für den Winter. Zur Michaelizeit ist eine Waage schön, in deren einen Schale ein Feldstein liegt. In die andere Schale kann man jeden Tag einen kleinen Edelstein legen, sodass sich irgendwann das Gewicht verschiebt. Aber auch ein Drache und ein Engel oder auch nur eins von beidem sind ein tolles Bild im Herbst. Am Ende der Herbszeit wartet Sankt Martin darauf auf seinem Pferd mit einer Laterne in der Hand zu reiten und dem Bettler den warmen Mantel zu reichen. Wir können uns nun auf eine Zeit der Einkehr und der Lichter freuen.

Der Winter ist die dunkelste Zeit im Jahr, in der wir es uns besonders gerne gemütlich machen. Für viele Kinder wird der Jahreszeitentisch in dieser Zeit als besonders spannend empfunden, spiegelt sich doch hier die Adventszeit und damit auch die Weihnachtsgeschichte wieder. Der Engel erscheint, Maria und Josef machen sich auf den Weg nach Betlehem und die Hirten wachen bei ihren Schafen. Zeremonien und Abläufe gibt es sehr viele verschiedene. Fast jede Familie hat ihre eigenen. Nach der Advents- und Weihnachtszeit kommt gerne der König Winter auf den Jahreszeitentisch und bringt uns den Schnee mit und alles was dazu gehört. Ein neues Jahr beginnt und mit ihm neue Kraft und gute Vorsätze. Es ist nach wie vor kalt, aber Schnee und Eis hellen das Dunkle etwas auf. Auf einem zugefrorenen See können Kinder Schlittschuh laufen und im verschneiten Garten steht ein Schneemann. Irgendwann kommt Frau Tau und Schnee und Eis werden weggefegt. Nun wird bald Platz für Mutter Erde und ihre Kinder gemacht.

Mit größeren Kindern kann man viel zusammen machen. Zu Ostern Ostergras aussähen, kleine Hasen filzen oder kneten, Eier bemalen und vielleicht auch Blumenkinder nähen. Die Kinder freuen sich aus dem Urlaub gesammelten Muscheln auf den Jahreszeitentisch legen zu dürfen, oder bunte Kiesel und Zapfen, die sie in den Bergen oder im Wald gefunden haben, in die Landschaft mit einbringen zu können. Im Herbst kann man wunderbar Eicheln, Kastanien und Erntegaben sammeln, die ihren Platz auf dem Jahreszeitentisch finden. Auch eine Mühle, die Michaeliswaage oder ein Pferdewagen kann man mit Kindern zusammen bauen. Wie stolz werden die großen Kleinen sein, ihre Werke auf dem schönen Tisch wiederzufinden. In der Adventszeit können Sterne, kleine Schafe für die Hirten, Engelchen aus Wolle oder kleine Gaben für das Christkind gebastelt werden. Auch schöne Schneeflocken aus Draht oder Papier sind tolle Zugaben für den Jahreszeitentisch. Den Kindern fällt eigentlich immer etwas ein. Manchmal muss man als Eltern auch offen für etwas Neues sein und der Kreativität der Kinder freien Lauf lassen.

Für kleinere Kinder ist es toll, wenn immer wieder etwas dazukommt oder sich verändert. Ganz von alleine, ohne dass es jemand sieht.

So vielfältig, lebendig und manchmal auch sehr aufwendig ein Jahreszeitentisch werden kann, so einfach darf er auch sein. Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die uns zeigen wie großartig die Natur ist.

 

Daniela Drescher „Vier Jahreszeiten“

 

Dieser Text von Hanna Waldow entstammt dem Elternteil von VORHANG AUF Heft Nummer 114 „Tierkinder“. So wie der Jahreszeitentisch begleitet Sie auch VORHANG AUF durch die vier Jahreszeiten. Fernab von Computer, Smartphone und Co lädt VORHANG AUF dazu ein, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken. Durch wunderschöne Illustrationen namhafter Künstler wird jede Ausgabe zu einem kostbaren Schatz. Liebevolle Geschichten, spannende Rätsel und Experimente, kreative Bastelbögen, lustige Spielanregungen für Drinnen und Draußen und vieles mehr beflügeln die Phantasiekräfte der fünf- bis 14-Jährigen. Ein separater Elternteil begleitet die Familien mit inspirierenden Anregungen durch das Jahr.

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Herzlich

Ihr Eckehard Waldow