Über Triebe und Denken

Tierliebe ist etwas Positives – nicht wahr?

Wer liebevoll mit Tieren umgeht, wer sie hegt, pflegt, streichelt und beschützt, ist (zumeist) auch gut zu Menschen, liebt die Welt und schützt die Umwelt.

Haustiere sind pädagogisch wertvoll, darum geben wir unseren Kindern gern Hunde, Katzen, Pferde, Hamster, Kaninchen oder Goldfische zum Gefährten. Kinder erfahren dadurch Freundschaft zum Tier und vom Tier, lernen ihr Wesen und ihre Eigenarten kennen, üben sich in Verantwortung für ihr Tierchen und bereiten sich dadurch auf ihr Erwachsenenleben vor – in Verantwortung für sich selbst und die ganze Mitwelt.

Tierliebe ist nicht jedem Menschen selbstverständlich mitgegeben, sondern wohl stark vom Kulturkreis, von der Weltanschauung abhängig. So sind Hunde und Katzen in Mitteleuropa meist geliebte Haustiere und Freunde, aber schon in Südeuropa, in Spanien laufen sie zu abertausenden halbwild durch die Gegend, werden als lästig angesehen und oftmals grob vertrieben, wenn sie den Menschen zu nahe kommen, eher unseren Ratten vergleichbar als unseren Hausgenossen, und in China werden Hunde emotionslos als Nahrungsmittel betrachtet und aufgegessen, so wie bei uns die Schweine.

Im Buddhismus herrscht allen Tieren gegenüber die Grundhaltung des Mitgefühls, die Liebe zum Mitgeschöpf. Ein asiatischer Orden geht dabei soweit, dass jeder Mönch einen weichen Staubwedel trägt und den Boden vor seinen Füßen freifegt, um nicht auf Insekten zu treten… Die Beispiele und Unterschiede können in verschiedenen Kulturkreisen unendlich weiter ausgeführt werden, und ein Urteil wie: „Man kann doch keine Hunde und Affen essen, das ist doch unmenschlich!“ sind eindeutig vom Kulturkreis abhängig; mit gleicher Berechtigung kann man die Mast von Gänsen um „leckerer Luxus-Leberpastete“ willen oder die qualvolle Massenaufzucht von Schweinen, Kühen und Hühnern verurteilen – nur gilt letzteres in Europa als „normal“; Tierliebe findet woanders statt – und unser alltägliches Schnitzel kommt doch aus dem Supermarkt.

Ob Tiere Freunde, eine Ware, ein Ding oder wilde Tiere böse Feinde sind, hängt also von meiner Kulturumgebung, meiner Weltanschauung ab, von meinem Tierbild, von der Antwort auf die Frage: Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Für mich ist eines wesentlich: Der Mensch kann zwischen Gut und Böse unterscheiden, das Tier kann und muss das nicht. Wenn ein Löwe ein Zebra zerfleischt, zerlegt und zerfrisst, ist er nicht böse, sondern folgt seinem Trieb, seinem Instinkt – und der ist nicht individuell von seiner Ethik abhängig, sondern der Gattung Löwe unabänderlich eingegeben. Wenn der Mensch sich ebenso verhält, könnten wir ihm Gier und Grausamkeit zuschreiben – er wird im Gefühlsleben zum Bild eines Löwen. Die List des Fuchses, die Gier des Wolfes, das Diebische der Elster oder die Harmlosigkeit des Hasen gehören also nicht den Tieren an, sondern dem Seelenleben des Menschen, wenn er als „freies“ Wesen die Eigenarten von Tieren ungezügelt auslebt. Um zum Menschen zu werden, müssen wir unsere Triebe und Instinkte in Bahnen lenken, in die Bahnen, die wir unserer Weltanschauung nach, für gut halten; wobei wir diese Anschauung im besten Fall nicht mehr unserem Kulturkreis entnehmen, sondern erst nach Prüfung unserer Erziehungs- und Umwelteinflüsse frei wählen.

Das Lenken der Triebe und Wünsche findet durch Erziehung und Selbsterziehung statt. Und die findet statt durch das Denken. Vordergründig durch die Gedanken, durch die Inhalte des Denkens – die aber nicht das Denken selbst sind! Denn wenn wir unsere Gedanken beobachten – und das ist der wesentliche erste Unterschied zwischen Mensch und Tier: das Tier kann keine Gedanken beobachten – dann stellen wir fest, dass es hinter den Inhalten eine Gedankenform gibt, in der die Gedankeninhalte erscheinen, so etwas wie eine Kuchenform, in die der Teig hineinfließt, und dahinter erst das Denken selbst, die Kraft, die die Form herstellt und die Inhalte hineinlegt! Das kann jeder Mensch im Selbstversuch nachvollziehen, wozu es im Alltag allerdings meist nicht kommt, weil das Naheliegende diesen Prozess überdeckt. Und doch findet er immer statt und ist die geistige Quelle, aus der heraus wir Mensch sind. Dort, an der Nahtstelle zwischen Seele und Geist, die wir kennenlernen, indem wir uns täglich ein paar Minuten ungestört darauf konzentrieren, erwächst uns die Kraft, weltanschauliche Urteile zu fällen und uns in ein brüderliches Verhältnis zum Tier zu versetzen.

Der Mensch hat in der physischen Entwicklungsgeschichte ein höheres Gehirnsystem als das Tier herausgebildet – eben das Instrument, die physische Grundlage des Denkens. Bruder Tier lebt ohne dieses Instrument neben uns – nutzen wir es, um menschliche Tierliebe zu entwickeln! Die bedrohte Tierwelt braucht heute diesen Schritt von uns!

Herzlich

Ihr Eckehard Waldow

Aus dem VORHANG AUF Elternteil Heft 51

 

Christane Lesch „Spielende Fohlen“