Gehorsam oder was sonst?

Setzt Zivilcourage nicht häufig Ungehorsam voraus? Ungehorsam denjenigen gegenüber, die Kraft ihrer Macht oder Position Menschenwürde und Gerechtigkeit verletzen? Ungehorsam ist immer auch der Mut zur inneren und äußeren Unabhängigkeit und Freiheit. Werden die sogenannten ‚ungehorsamen’ Kinder, die sich der Übermacht Erwachsener nicht beugen wollen, mit großer Strenge gebändigt, für ihr Verhalten bestraft oder gar zu etwas gezwungen, bis sie eines Tages endlich ‚gezähmt’ den ‚Ungehorsam’ aufgeben – weil sie immer wieder erfahren mussten, dass er nichts als Ärger und Leid bringt –, geben sie gleichzeitig einen Teil ihrer inneren Unabhängigkeit und Eigenständigkeit auf und tauschen ihr mitgebrachtes Selbstverständnis als freie Wesen gegen Anpassung und Unterordnung.
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Berücksichtigt Erziehung hingegen von Anfang an ein paar elementare Gesetzmäßigkeiten ist ein Umgang mit Kindern ohne großen Druck, Strenge und Strafe möglich. Dazu gehört auch, dass ein fundamentales Bedürfnis, das wir als Eltern und Erwachsene haben, befriedigt wird: Wir möchten, dass sich unsere Kinder in eine Struktur einfügen, die sie durch uns vorfinden. Je mehr Gestaltung und Rhythmus wir unserem Alltagsleben geben, umso selbstverständlicher ordnen sich Kinder in ein vertrautes Muster ein. Es gibt ihnen Halt und Zuverlässigkeit. Das setzt allerdings voraus, dass Eltern sich in grundsätzlichen Fragen, die den familiären Lebensalltag betreffen, weitgehend einig sind. Dazu gehören klare Absprachen, wie Zeitabsprachen, geregelte Essenszeiten, eine gemeinsame Freizeitplanung, ebenso wie Einigkeit über grundsätzliche Erziehungsfragen – und mehr als alles andere eine gepflegte Gesprächskultur sowie die Fähigkeit der Eltern, Konflikte zeitnah zu klären und loszulassen. Wo jedoch eine Struktur sowie die Fähigkeit zu Klärung und Absprache fehlt, steigt die Nervosität der Eltern auf der einen und der Unruhe-Level der Kinder auf der anderen Seite, was den Ruf nach Gehorsamkeit laut und autoritäres Verhalten oft zu einem willkürlichen Akt werden lässt.

Bild: Cornelia Haendler

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Eltern, die in ihrem Lebensalltag eine Form gefunden haben, in der sie sich selbst wohlfühlen, fällt es sehr viel leichter, auch ihre Kinder in diese Form einzubinden, als Eltern, deren Alltag mehr oder weniger chaotisch und planlos verläuft. Da werden auch die Kinder chaotisch und planlos, wenn sie nichts anderes kennenlernen können. Das führt bei vielen Eltern zu Enttäuschung und Frustration. Sie sind desillusioniert, wenn der Wunsch nach einer heilen Familie unerfüllt bleibt, und spüren die Leere, die ein nicht gelebtes Ideal in ihnen zurücklässt, meistens ohne dass sie sich der wirklichen Ursache bewusst sind.
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Ein guter Familienzusammenhang zeichnet sich aus durch gemeinsame wiederkehrende Erlebnisse, durch das Erleben von Vertrauen, Zuverlässigkeit und Dauer. Neben den alltäglichen Ereignissen, Aufgaben und Belastungen im Leben des Einzelnen, den individuellen Rhythmen der Familienmitglieder, gibt es Gemeinsames, das alle verbindet und worauf man sich verlassen möchte. Dieses Gemeinsame muss gehegt und gepflegt werden wie ein schöner Garten, sodass er mehr und mehr erblühen und Früchte tragen kann. Wird diese Arbeit versäumt, beginnt das Unkraut zu sprießen. Und ein verwilderter Garten erfordert sehr viel mehr Pflege und Einsatz als ein von Anfang an gut gepflegter Garten. Das trifft auf die Partnerschaft ebenso zu wie auf das Verhalten der Kinder. Nur leider ist es häufig so, dass erst dann, wenn es beinahe zu spät ist, Fragen zur Gartenpflege auftauchen.
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Für denjenigen, der im Chaos der eigenen Lebensführung unterzugehen droht, werden auch die Kinder zur Belastung. Wer mit eigenen Problemen randvoll beschäftigt ist, überlässt seine Kinder häufig sich selbst oder schiebt sie ab – und wenn sie durch eine willkürliche Laissez-faire-Haltung zu entgleiten drohen, fordert man Gehorsam, und ‚wenn es sein muss’ mit Zwang und verbaler Gewalt. Wenn alles zu entgleiten beginnt, da sollen doch wenigstens die Kinder funktionieren!
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Doch dann ist es zu spät – und mit jedem Druck, mit jedem Zwang zu Gehorsam, der ausgeübt wird, schließt sich die Falle mehr, die man sich selbst gebaut hat. Ein Kind, das sich äußerlich beugt, zieht sich innerlich zurück, und viele Eltern verlieren dadurch schon früh den liebevollen Kontakt zu ihrem eigenen Kind.
Bei einem guten Erziehungs-Stil sollte die Betonung weniger auf Erziehung als auf Stil liegen. Während Erziehung sich in erster Linie auf das Kind bezieht, bezieht sich der Stil auf den Erziehenden
selbst und auf sein eigenes Handeln. Weder ein ‚Laissez-faire’ noch ein autoritärer Erziehungs-Stil werden dem Bedürfnis eines Kindes gerecht. Kinder wollen sich orientieren und sanft geführt werden. Kleine Kinder lernen durch Nachahmung, durch die Installation guter Gewohnheiten, durch Liebe und Vertrauen, durch klare Anweisungen, durch zugewandte Anleitung und Begleitung.
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In einer Zeit, in der viel Wissen über Psychologie, Entwicklungspsychologie und Lernpsychologie zur Verfügung steht, sollten Erwartungen, wie blinder Gehorsam, zur Liste antiquierter Erziehungsmaßnahmen hinzugefügt werden. Eine solche Erwartung erübrigt sich ohnehin, wenn an seine Stelle Begleitung, Anleitung und Vorbild treten. Diese Worte beziehen sich in erster Linie auf die Eltern und ihren Erziehungs-Stil und entlasten die Kinder.
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Dieser Artikel entstammt dem empfehlenswerten Buch „Elternsache ist Bewusstseinssache“, einem „Erziehungsratgeber zur Nichterziehung“ von Gabriele Waldow
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Dieses und weitere empfehlenswerte Bücher für dich und deine Kinder findest du hier: https://www.waldowverlag.de/buecher/

Michaeli – Fest der Freiheit

Obwohl es in weiten Kreisen wenig beachtet wird, ist das Michaelsfest – 29. September – unter allen Herbstfesten für den modernen Menschen heute vielleicht das wichtigste! Warum?

Der Legende nach (Kinderteil Heft 116 S.38) wollte der Engel Lucifer (Satanael) aus Neid Gott gleich werden und wurde daher vom Engel Michael im Auftrag Gottes aus dem Himmel auf die Erde geworfen, wo er heute noch wirkt: Das Urbild des Kampfes gegen das Neidische, Egozentrische, Unsoziale und Böse – das Urbild des Drachenkampfes.

Wenn der Mensch von der Steinzeit bis ins Mittelalter hinein gegen Gefahren von außen (Säbelzahntiger, wilde Wölfe) kämpfen musste, schaltete sich bei Wahrnehmung einer Bedrohung unmittelbar das Stammhirn („Reptiliengehirn“) ein, sorgte für genügend Adrenalinausstoß und gab den Impuls für Flucht oder Angriff. Heute gibt es die äußeren Gefahren in der Regel in unserem Alltag nicht mehr. Gefahrenmeldungen und das Gefühl, bedroht zu werden, sind allerdings nicht verschwunden, sondern haben sich auf die seelische Ebene verlagert! Ein Großteil unseres Adrenalinausstoßes kommt weiterhin durch Angst zustande, die aber durch ein subjektives, seelisches Sich-Bedroht-Fühlen des Unbewussten ausgelöst wird. Überlassen wir diesem Unbewussten die Führung, reagieren wir auch heute noch mit Flucht oder Aggression, weil das Reptiliengehirn sich einschaltet. Der Drache ist ein Reptil – wir überlassen dem Drachen die Führung.

Glücklicherweise hat sich die Menschheit geistig und seelisch weiterentwickelt und hat heute außer dem Stammhirn u.a. auch ein Großhirn und ein sich immer weiter erstarkendes Bewusstsein zur Verfügung – das bewusste Ich, das Gedanken und Emotionen beobachten, beurteilen und willentlich verändern kann.

Bereits in der Edda, dem Mythos der alten nordischen Völker, findet sich das Bild des Drachen: Niddhögr, der Drache am Fuße der Weltenesche Yggdrasil. In der Krone des Lebensbaumes sitzt der Adler, Bild der frei fliegenden Gedanken. Er trägt die Gedanken der Götter zu den Menschen. Der Lebensbaum reicht oben in die Sphäre der Sterne und Planeten, an den Himmel, steht vermittelnd zwischen Oben und Unten, ist tief in der Erde verwurzelt und reicht bis in die Unterwelt. Drei weise weibliche Wesen arbeiten mit den Menschen an ihrem Schicksal und sprechen mit dem Adler, der die Gedanken der Menschen zurück zu den Göttern trägt. Bild: Cornelia Haendler. Als Kunstdruck und Postkarte im Waldow Verlag.

 

Nennen wir das Unbewusste, den unbeobachteten Angstauslöser in uns den „Dämon“, den „Drachen“, dann haben wir im bewussten Beobachter und Gestalter den „Engel“, den „Herrscher“, den Drachenbesieger vor uns.

Auslöser von ALLEM, was uns geschieht, sind unsere Gedanken.

Vereinfacht dargestellt kann man sagen: An den Gedanken schließt sich das Gefühl an, daran die hormonelle Reaktion des Körpers und daran die Handlung. Deshalb ist die Gedankenkontrolle durch das wache Ich der entscheidende Ausgangspunkt dafür, dass wir unser Leben selbstbestimmt führen und nicht unterbewusst geführt werden. Jeder Erwachsene kann selbst einschätzen, wieviel Prozent seiner Handlungen aus der wachen Führung seiner Selbst erstehen und wieviel Prozent durch halbbewusste Reaktionen. Letztere werden besonders durch Stress hervorgerufen. Stress ist die Überforderung des Alltags-Ichs, das sich durch Ausweichen, Verdrängen, Bequemlichkeit, Flucht in die Arbeit, in Rauchen oder Trinken, in übermäßiges Essen oder Fernsehen oder durch Schuldzuweisungen an andere Menschen, an die Umstände oder ans Finanzamt wehren will. Dabei meint es es durchaus gut mit uns, denn es möchte uns vor Gefahr beschützen!

Der Prozentsatz dessen, was wir dem Drachen überlassen und was dem Engel, ist bei jedem verschieden – fertig mit dem Kampf aber ist niemand. Es geht weiter, immer eine Stufe höher. Ganz oben steht „Michael“, das Bild unserer höheren Möglichkeiten, um uns zu beglückwünschen, dass wir aufwärtsstreben. Und „er“ braucht uns! Das höhere Bewusstsein kann nicht in die Freiheit des Menschen eingreifen, kann uns heutzutage keine Kraft und keine Ideen senden, wenn wir sie nicht in Selbstverantwortung abrufen, wenn wir uns nicht nach oben wenden. Nach oben – zu unserem eigenen höheren Selbst.

Andrea Wilmers: St. Michael – Als Kunstdruck und Postkarte im Waldow Verlag

Immer mehr Menschen fühlen oder wissen heutzutage, dass die Entwicklung des Bewusstseins sich beschleunigt. Die Ansprüche, die Aufgaben, die uns durch Umweltverschmutzung und Inweltverschmutzung heute gestellt werden, sind gewachsen und wachsen weiter – das lesen wir am Zeitgeschehen ab. Aber wo viel Schatten ist, muss auch viel Licht sein. Und es ist da, abrufbar. In diesem Sinne kann das Michaelsfest zu einem Tag werden, der dem Erwachsenen den Ernst des Kampfes um das Bewusstsein und das Licht des Schwertes der Gedanken ganz besonders nahe bringt, als Wegzehrung für den hellen Weg der nächsten 364 Tage.

Dieses sind „Festgedanken“ aus christlicher und jüdischer Tradition. Aber sie finden sich in ähnlichen oder anderen Bildern ebenso im Islam und im Buddhismus, in jedem alten oder neuen Gedankensystem, das sich dem Geistigen zuwendet.

Totengedenken – Gleichheit

Das Fest Allerseelen – 2. November – oder der Totensonntag im Evangelischen (letzter Sonntag vor Advent) macht uns deutlich, dass wir an einem Punkt unwidersprechbar gleich sind: Wir werden sterben. Ganz sicher.

Eine schöne Möglichkeit, dieses Fest zu begehen ist, allerdings nicht mit Kindern, sondern für uns Erwachsene, sich den Augenblick des eigenen Todes vorzustellen, sich dort wirklich hineinzufühlen und sich zu fragen: Was möchte ich bis zu diesem Augenblick erreicht haben – physisch, seelisch und geistig? Was würde ich bedauern, nicht getan zu haben?

Von dieser Vorstellung geht eine sehr starke Kraft aus, die das augenblickliche Leben impulsiert! Eine Übung, die sich nicht auf das Totenfest beschränken muss.

Martini – Fest der Menschlichkeit

Das Martinsfest – 11. November – steht mit seinem schönen Motiv des Mantelteilens für die Brüderlichkeit, die Schwesterlichkeit, die Menschlichkeit. Dieses Herbstfest ruft uns zu: Wer auch immer friert und hungert, physisch, seelisch oder geistig, mit dem teilen wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Wärme und unsere Zuneigung. Das Laternelaufen an diesem Tag bringt das Licht der Menschlichkeit in das Dunkel der Spätherbstes.

Daniela Drescher: St. Marin – Als Kunstdruck und Postkarte im Waldow Verlag.

 

Viel Freude beim Kämpfen, Sterben und Auferstehen im Denken und Fühlen.

Herzlich

Ihr Eckehard Waldow

Warum Kinder und Erwachsene Märchen brauchen

Tiermärchen sind eine Form des Märchens, in dem Tiere die Hauptrolle spielen. Doch wie im Schicksalsmärchen der König, die Königin, die Prinzessin und der Prinz für Seelenqualitäten des Menschen an sich stehen, so im Tiermärchen die Tiere. Sie sind meist anthropomorphisiert, das heißt, sie sprechen und fühlen wie wir Menschen. Die Tiere im Märchen – sind wir selbst!
Ein wunderbares Beispiel ist „Das Eselein“ im Kinderteil. Wer von uns ist nicht im Leben zuerst ein Esel und wirft erst später die Eselshaut seines Egos ab, um im Licht des eigenen höheren Selbst als Prinz zu glänzen? Zudem macht dieses Märchen jedem Kind (und Erwachsenen) Mut, sich selbst Fähigkeiten zuzutrauen, die scheinbar schier unmöglich zu erreichen sind. Welcher Esel kann schon Laute spielen? – Kein Musiklehrer sollte dieses Märchen seinen Schülern vorenthalten, wenn das Üben einmal schwerfällt.

In jedem von uns wohnt ein Wolf, ein Fuchs, ein Frosch, ein Igel, ein Gefiederter, ein Hase und ein Pferd! Wir kennen diese Teilwesen nur zu gut, und wir kennen die Aufgabe, uns durch sie von ihnen zu emanzipieren.
Das Leben ist ein Weg, eine Suche. Der Weg aus der Unvollkommenheit, der Abhängigkeit von Gier, wiederkehrenden Gedankenschleifen, Träumereien, Trotz, Sehnsüchten, Angst und Verzagtheit über den Weg der Erfahrungen hin zu einem zunächst unbekannten Ziel; ein Weg durch immer neue Prüfungen – hin zu unserer Ganzheit. Erst wenn wir alle „Tiere“ in uns angenommen und dadurch integriert haben, werden wir im eigentlichen Sinn zum ganzen Menschen.
Das Leben ist der Weg des Ver-zwei-felten, besser gesagt des Ver-hundert-sten, hin zu seiner Einheit.

Jedes Märchen ist ein Bild des Lebens. Es beschreibt die Prüfungen, das Bestehen der Prüfungen und das Ziel. Das Märchen bildet das Leben ab und bildet uns fürs Leben.
Märchen bereiten Kinder auf das Leben vor: Das Eselein und alle anderen Figuren rufen ihnen zu: Du wirst alle Schwierigkeiten bestehen, du bist stark, mutig, klug und innerlich vollkommen. Diese Zuversicht ist eine Entwicklungskraft ersten Ranges!
Erwachsenen geben Märchen Bilder an die Hand, das bisher Erlebte bewusst nachzubetrachten, den augenblicklichen Standpunkt auf der Lebensreise ins Auge zu fassen und die (notwendigen) nächsten Schritte ins Auge zu fassen. Wie weit bin ich mit meinem Wolf? Habe ich alle Gier und allen Neid bereits durch Liebe ersetzt? Wie weit bin ich mit meinem Igel? Igel ich mich an manchen Stellen immer noch ein oder kann ich stachellos kommunizieren? Wie weit bin ich mit meinem Häschen? Laufe ich noch vor irgendetwas davon oder stärke ich meinen Mut jeden Tag in genügendem Maße…

Jedes „Tier“ ist im allegorischen Sinn eine Aufforderung.
Die meisten Erwachsenen erleben sich als unvollkommen. Manche haben schwere Probleme und Krankheiten, die meisten aber erleben: Meine seelischen Fähigkeiten meine Entwicklung reicht noch nicht aus, um in meinem Leben das zu verwirklichen, was ich eigentlich will. Ständig „stört“ eine Schwäche, die ich überwinden will. Dieses „Stören“ ist ein Geschenk, ein Bewusstwerden, wenn ich es bemerke. Oft liegt es knapp unter der Bewusstseinsschwelle – und da sind Märchen, besonders Tiermärchen, ein hervorragendes Mittel zur Selbstbeobachtung. Sie befeuern die Suche. Beim Kind bleiben sie im Bild, sollen sie im Bild bleiben und wirken als solches unbewusst in die stärkenden Zuversichtskräfte. Beim Erwachsenen impulsieren sie die Selbsterkenntnis.

Hört die Suche auf, wird aus ihr die Sucht. Denn jede positive Regung hat ihr negatives Gegenbild. Schauen wir die Gegenbilder vorbehaltlos, bedingungslos, schonungslos an, weisen sie uns auf unsere Aufgaben und neuen Möglichkeiten hin.
Der Alkohol- und Drogensüchtige versucht (vergeblich), eine heile Welt zu erleben, ohne Konflikte bewusst auszutragen. Der Nikotinsüchtige versucht, den Atem der freien Kommunikation durch Rauch zu ersetzen. Der Ruhmessüchtige ersetzt das Selbstbewusstsein durch den Beifall anderer. Der Arbeitssüchtige betrügt seine Suchimpulse durch Übertätigkeit. Auch gibt es die Sucht, seine eigene Suche durch das dogmatische Befolgen bestimmter Lehren zu ersetzen. Es gibt die Kritiksucht, die Perfektionssucht, die Sich-opfern-Sucht, die Herrschsucht und viele andere – und für jede Sucht gibt es im Märchen ein Tier!
Daneben finden sich die positiven Bilder, die Tiere der Weisheit, der Demut, des Mutes und des Sich-Aufschwingens in die Höhe des befreiten Geistes.

Unsere Kinder können wir stärken, mit recht viel gesunder Märchennahrung. Uns selbst, indem wir die Märchenbilder auf unserer erwachsenen Bewusstseinsstufe als Bild auflösen und dadurch erkennen. Dabei kommt es weniger darauf an, „richtig“ zu interpretieren, sondern mehr darauf, es im freien Spiel von Gedanken und Fantasie zuzulassen. Denn „richtig“ gibt es beim Märchen nicht, sondern nur stimmig. Die tiefenpsychologische Methode der Märchendeutung hat ebenso seine Berechtigung wie die materialistische, die esoterische genauso wie die historisierende. Problematisch werden alle Methoden dann, wenn konkrete Bilder oder Aussagen verallgemeinert, verabsolutiert werden; wenn eine berechtigte Sichtweise, die einen Aspekt darstellt, zum allein gültigen Prinzip erklärt wird. Damit geht man am Makrokosmos „Märchen“ vorbei und begrenzt sich – unnötig.

Das Märchen fordert Freiheit. Das Märchen ist uralt – und gleichzeitig absolut neu!
Vorhang Auf! Das Leben ist märchenhaft!

Eckehard Waldow

Aus VORHANG AUF Heft 86 Tiermärchen

Ein Bauherr beginnt auch nicht mit dem Dach

GERTRAUD TEUCHERT-NOODT

 

Die digitale Revolution verbaut unseren Kindern die Zukunft

Niemals beginnt der Bauherr seinen Hausbau mit dem Dach. Warum nur glauben viele Pädagogen, die kindliche Entwicklung könne beschleunigt werden, indem man deren Fundament einfach weglässt?
Mit den Grundsätzen der Evolution erklärt Gertraut Teuchert-Noodt, emeritierte Professorin der Neurobiologie, anschaulich, warum Eltern und Lehrer sich vehement gegen frühkindliche Nutzung von Bildschirm-Medien wehren sollten – damit es nicht zu Sucht, Lernstörungen, Aggressivität oder autistischen Störungen bei den Kleinen kommt.

Wie die gesamte Natur einen Bauplan hat, der sich gemächlich evolutionär entwickelt, liegt auch der frühkindlichen Entwicklung des Gehirns ein genauer Bau- und Entwicklungsplan zugrunde, der immer gleichen Regeln folgt – und sich in der Regel auch nicht ändern oder beschleunigen lässt. Folgen wir dem Bild des Hausbaus, besitzt bereits das Baby eine Art Rohbau des Gehirns. Aber Fenster, Türen und Treppen fehlen noch, und auch die Strom-, Gas- und Wasserleitungen müssen noch verlegt und verschaltet werden. Das dauert gewöhnlich fast 18 Jahre lang. Verstehen sich Eltern, Erzieher und Lehrer als kluge Bauherren dieser Mobilie, so untermauern sie die Entwicklung ihrer Zöglinge mit genau den Materialien, die die Natur dafür vorgesehen hat.

KÖRPERLICHE BEWEGUNG ALS BAU- STOFF DER GEHIRNREIFUNG – ODER CHAOS AUF DER BAUSTELLE


Es sind nicht die kognitiven Leistungen, sondern die körperlichen Bewegungen eines Kleinkindes, die bestimmen, wie die ersten Funktionsmodule des Klein- und Großhirns reifen. Anderes wäre logisch auch kaum erklärbar, denn das Aufwachsen und Überleben in steinzeitlicher Steppe oder frühzeitlichem Urwald verlangte kaum mediale, dafür aber umso mehr körperliche Fähigkeiten. Nach wie vor also steuert das Kleinhirn die Motorik und ist verantwortlich für das Erlernen von Bewegungsabläufen. Dabei sind die drei Schaltebenen der Kleinhirn-Module exakt so angeordnet wie die drei Bogengänge des Gleichgewichtsorgans, sie stehen wie im Innenohr senkrecht aufeinander. Wenn motorische Regelkreise – etwa der Purzelbaum beim Kleinkind – reifen, dann verankern sich zusätzlich auch kognitive Funktionen im Gehirn. Denn das Kleinhirn und die im Gehirn nachgeschaltete motorische Großhirnrinde regen über vielfältige Bewegungen Denkleistungen an. Auch wir Erwachsenen spüren das, wenn wir bei einem Spaziergang an der frischen Luft schneller auf neue Ideen kommen. Kleine Kinder bewegen sich beim Spielen dreidimensional: Und genau dabei – und nur dabei – programmieren sich die Raumkoordinaten buchstäblich in die reifenden Module der Hirnrinde ein.

Deshalb können sich Bewegungen, Spielen und Toben wie auf einer CD im Gehirn des Kindes einbrennen. Fehlt diese räumliche Bewegung und wird sie etwa durch Tablet-Wischen ersetzt, so fehlt dem Gehirn quasi der Baustoff für den Weiterbau des Denkapparates – die Bautätigkeit erlahmt.

Und nicht nur das, wie wir später noch sehen werden. Falsche Baustoffe in der Gehirnentwicklung können Sucht, Angst und lebenslang geminderte Lern- und Denkfähigkeiten hervorrufen. Deshalb ist es auch in der Wissenschaft unumstritten, dass sich körperliche Aktivitäten des Kindes sofort in den reifenden Rindenfeldern des Großhirns niederschlagen, wobei sie Struktur und Ausdehnung der neuronalen Netze beeinflussen. Dazu müssen kleine Kinder differenzierte körperliche Aktivitäten ausüben. Sie sollten ihre Hände verwenden, um Bilder zu malen, Knetfiguren zu formen oder zu basteln. Kinder purzeln, klettern und tollen herum – genau in der kritischen Phase, in der sich zeitgleich modulare Groß- und Kleinhirnfelder funktional organisieren. Dann fällt es Schulkindern später leicht, die vorgebahnten feinmotorischen Rindenfelder zum Schreiben und Lesen einzusetzen – und im jugendlichen Alter mit digitalen Geräten sinnvoll umzugehen.

VOM GREIFEN ZUM BE-GREIFEN, ZU MATHEMATISCHEN FÄHIGKEITEN

Doch dieser kognitive Mechanismus greift noch viel tiefer: Aus dem kindlichen Greifen erwächst das Begreifen im Jugendalter. Daniel Ansari hat 2003 herausgefunden, dass sich ein räumliches Verständnis, die Welt zu begreifen unmittelbar in mathematische Fähigkeiten umsetzt: Wir lernen zum Beispiel, Zahlen auf einem Zahlenstrahl anzuordnen und wir sprechen in der Geometrie von Würfeln und Quadern.

Wer also kleinen Kindern die Bewegung vorenthält – warum auch immer – der sorgt für Chaos auf der Baustelle des kindlichen Hirngerüsts, denn die gesamte Kindheit ist gezeichnet von kritischen Phasen, in denen die Reifung von sensomotorischen und assoziativen Funktionssystemen extrem stark von der Umwelt beeinflusst wird. Bildschirm-Medien, ganz gleich ob Smartphones, Tablets oder das gute alte Fernsehgerät, schränken automatisch das Bewegungs- verhalten der Kinder ein, weil sie vielfach Kinder vom Spielen in Wäldern, Parks oder auf Sportplätzen abhalten. Das beeinträchtigt in diesem Lebensabschnitt die nötige Hirnreifung, die eine sehr aktive und dynamische Phase der Entwicklung darstellt. Wischen und tippen Kinder dagegen auf Tablets, schadet das auch der Reifung ihrer kognitiven Fähigkeiten. Die flüchtigen Händchen führen keine differenzierten, feinmotorischen Bewegungen aus. Das unterminiert die Vernetzung im Gehirn – und untergräbt langfristig die Entwicklung geistiger Fähigkeiten.

WARUM TABLETS IN DER NATUR KINDERN NICHTS NÜTZEN


An dieser Stelle wenden Befürworter des frühkindlichen digitalen Lernens gerne ein, es gehe doch beides, reale und virtuelle Welterfahrung zugleich. Das ist zwar richtig, doch funktioniert dies erst ab einem jugendlichen Alter, wenn sich die reale Welt in die Nervennetze eingeschrieben hat. Betrachtet man einmal die Zeiten, die schon kleine Kinder vor dem Bildschirm verbringen, so fressen sie zunehmend mehr Lebenszeit, also Zeit, die für die natürliche und evolutionär vorbestimmte Tätigkeit des Spielens und Tollens fehlt – denn anders als bei Erwachsenen hat der Tag der Kinder eben wirklich nur 24 Stunden. So ergänzen die Bildschirmzeiten die reale Erfahrung in der Natur nicht – sie ersetzen sie in einem wachsenden Umfang. Anstelle des planvollen Baus einer meisterhaften Architektur werden den Kindern einfach bunte und konturlose Fertighäuser vorgesetzt. Wohnen ist möglich – aber Leben?

Laut KIM-Studie 2014 kommen Acht- bis Neunjährige bereits auf eine tägliche Bildschirmzeit von rund 2,5 Stunden; bei Zehn- bis Elfjährigen sind es schon rund 3,5 Stunden. Dabei liegt das Fern- sehen an der Spitze – und wir sprechen noch gar nicht von den Intensivnutzern, die in höheren Altersgruppen bis zu zehn Stunden am Tag vor dem Bild- schirm verharren.

DAS FEUERWERK BUNTER BILDSCHIRM BILDER KANN SUCHTPOTENZIAL ENTFACHEN

Digitale Medien haben für kleine Kinder ein hohes Suchtpotenzial. Ihr rasantes Feuerwerk aus Videos und bunten Animationen führt zu einem Reizbombardement, das gnadenlos auf die Verrechnung von Raumerfahrungen im Hippokampus niedergeht. Da sein Schaltsystem unterhalb der Bewusstseinsschwelle arbeitet, kann es sich nicht dagegen wehren. So überdreht sein Belohnungssystem und kann Suchtverhalten auslösen. Glücksgefühle entstehen – und verlangen nach immer mehr –, wenn immer mehr mediale Reize auf das Kind ein- strömen. Immerhin gelten bereits jetzt – wenig beachtet – fünf Millionen Erwachsene im deutschsprachigen Raum als computer-/ oder spielsüchtig.

Auf unvorbereitete Kleinkinder aber feuern Bildermedien unaufhaltsam pathologisch veränderte Frequenzen ab, die das Stirnhirn in dem Alter massiv überfordern. In jungen Jahren können so bestimmte Botenstoffe in den Modulen des Stirnhirns zu schnell und unzulänglich reifen. Wissenschaftler bezeichnen dies als Notreife. Das alles geschieht in einem Alter, in dem das Stirnhirn aufgrund sehr langsam einreifender Transmitter wie Dopamin nicht im Ansatz in der Lage ist, kognitive Konflikte ausreichend zu kontrollieren.

Der Hintergrund für diesen kognitiven Super-GAU: Das Stirnhirn ist eine übergeordnete Instanz – die Drehscheibe für alle Teilleistungen, die aus vielen Bereichen des Gehirns und des übrigen Körpers einlaufen. Es entsteht unter allen Funktionssystemen zuletzt, aus zwei Gründen: Der gesamte Bau des Gehirns folgt einem klar festgelegten Zeit-Konzept, unserem Bauplan, und alle Hirnfunktionen unterliegen einer hierarchischen Gliederung. Die Natur arbeitet – aus evolutionären Erfahrungen – eben klug wie ein Baumeister, der auch den Dachstuhl als Letztes baut.

SUCHT, ANGST ODER KOGNITIVE FEHLLEISTUNGEN

Für unsere Überlegungen ist jetzt entscheidend: Das Stirnhirn steuert drei wesentliche Instanzen mit exekutiven Funktionen, die alle anderen Bereiche des Gehirns beherrschen. Werden diese Instanzen beeinträchtigt, so drohen Sucht, Angst oder kognitive Fehlleistungen.

Eine dieser Instanzen regelt die Konfliktbewältigung und kontrolliert das Belohnungssystem. Versagt diese Instanz, so will das Gehirn von Substanzen oder Reizen immer mehr – es kommt zur Sucht. Eine weitere Instanz zur Angstbewältigung überwacht den Gehirnbereich der Amygdala. Wenn sie den Geist aufgibt, heißt die Antwort: Angstsyndrom. Und eine dritte Instanz passt auf die assoziativen Rindenfelder im Großhirn auf, dort, wo auch die Bewegungsabläufe und das Langzeitgedächtnis eingebrannt sind. Die Aufgabe dieser Instanz besteht darin, Wahrnehmungen in eine sinnvolle Beziehung zu setzen und als Informationen zu speichern. Versagt diese Instanz, heißt die Antwort nicht selten: Kontrollverlust sowie Konzentrations-, Merk- / Denkschwäche, autistische oder autistoide Störungen oder Aggressionen. (Teuchert-Noodt, Schlotmann 2012).

DAUERKINO STATT GEHIRNENTWICKLUNG

Diese gravierenden Störungen können bei Kindern durch Stirnhirnversagen auftreten, wenn viele bunte Bilder dauerhaft den Hippokampus und das Belohnungssystem überdrehen lassen. Das schadet der Kommunikation mit dem Stirnhirn über den großen limibischen Schaltkreis, der durch das Cingulum und die aufsteigende Dopaminbahn getragen wird. So können sich seine exekutiven Funktionen gerade in der Phase ihrer Reifung nicht entfalten. Bildschirm-Medien diktieren eine Beschleunigung und Überreizung, unter der das kindliche Gehirn leidet. Das vom Hippokampus gesteuerte Kurzzeitgedächtnis und das aus dem Stirnhirn gesteuerte Arbeitsgedächtnis können nicht angemessen arbeiten. Die steigende Zahl sprach- und lerngestörter sowie autistoider Kinder ist ganz sicher ein Zeichen für dieses Phänomen – daher sind das Fernsehen und digitale Medien in diesem Alter Gift für eine gesunde Gehirnentwicklung.

Übrigens: Der Grundstein für den Bau des Stirnhirns wird bereits im ersten Lebensjahr gelegt. Der Rohbau ist aber erst im Alter von 18 – 20 Jahren fertig. Genetisch sind Babys und Kleinkinder auf den Umgang mit einer natürlichen Umwelt programmiert („Urwald-Raum-Zeit“). Daher sollten wir sie völlig von Bildschirmen fernhalten.

OHNE COMPUTER INS
DIGITALE ZEITALTER!

„Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.“ Diese These von Lembke und Leipner wirkt überhaupt nicht paradox, wenn wir eine Brücke zur Neurobiologie schlagen. Wer den Einfluss digitaler Medien auf Kinder reduziert, fördert ihre Gehirnentwicklung, denn die späteren Jugendlichen und Erwachsenen brauchen hohe kognitive Fähigkeiten, um digitale Herausforderungen zu bewältigen. Auch die Entwicklungspsychologie zeigt, dass Kinder erst ab etwa 12 bis 14 Jahren langsam in der Lage sind, ihre vollen kognitiven Potenziale zu entfalten. Davor ist eine gesunde sensomotorische Entwicklung nötig, die durch den Ruf nach einer „frühen Medienkompetenz“ gefährdet ist. Wir brauchen dringend digitalfreie Oasen in Kindergärten und Grundschulen. Erst dann haben die weiterführenden Schulen eine Chance, bei Jugendlichen eine echte mediale Kompetenz aufzubauen – auch im Umgang mit digitalen Medien.

SPIELRÄUME FÜR KINDER

Die Neurobiologie gibt zwei wichtige Antworten darauf, welche Spielräume Kinder zwischen der Geburt und etwa dem 12. bis 14. Lebensjahr haben:

Antwort 1: Wer Kinder durch Bildschirm-Medien fesselt, schränkt erheblich ihre Spielräume ein. Und das ist wörtlich zu verstehen: In der Kindesentwicklung zählen besonders sensomotorische Erfahrungen. Kinder sollten „mit Händen und Fuß̈ en“ die Welt erobern und sie mit allen Sinnen begreifen! Denn eine Vielzahl motorischer Aktivitäten ist elementar mit der Gehirnentwicklung verknüpft. In jedem Lehrbuch der Neurobiologie ist zu lesen: Spätere intellektuelle Spielräume brauchen reale Spielräume in früher Kindheit. Sobald Kinder stundenlang vor Bildschirmen erstarren, schadet das der Reifung von Nervennetzen für kognitive Funktionen. Das ist irreparabel, denn „die Karawane zieht weiter“.

Antwort 2: Bildschirm-Medien traktieren Kinder mit einem Trommelfeuer an Reizen. Dieses mediale Bombardement überfordert den Hippokampus und das von ihm gesteuerte Belohnungssystem. So kann sich das Stirnhirn nicht gut entwickeln, denn es steht über dieser Reizkette. Die Folge: Eine frühkindliche Notreifung von Stirnhirn und Hippokampus kann zu schweren Störungen im kognitiven Bereich führen, etwa zu Lernstörungen, autistoiden Entwicklungsstörungen und /oder Sucht.

Prof. Dr. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt leitete den Bereich Neuroanatomie/Humanbiologie an der Universität Bielefeld, Fakultät für Biologie. Spezielle Forschungsgebiete: unter anderem quantitative Immunhistochemie von Neurotransmittern und neuronale Netzwerke in der Entwicklung psycho-kognitiver Hirnfunktionen. In ihren Vorträgen setzt sie sich kritisch mit der Wirkung digitaler Medien auf das Gehirn auseinander. Der Text entstand unter Mitwirkung von Ingo Leipner. – Fotos: pixabay.

Dieser Text entstammt dem Elternteil von VORHANG AUF Heft Nummer 115 „Hausbau“. Um unsere Kinder vor dem übermächtigen Einfluss elektronischer Medien zu schützen, müssen wir ihnen Alternativen bieten. Kindgerechte Alternativen, die ihre Phantasie anregen. Mit VORHANG AUF – der zauberhaften Zeitschrift für Kinder und Eltern – möchten wir Herz, Kopf und Hände inspirieren und alle Sinne beflügeln. Deshalb ist unsere Zeitschrift Seite für Seite wohltuend anders. Künstlerisch gestaltete Illustrationen schmücken die vielen Geschichten und spannenden Sachtexte. Darüber hinaus gibt es kreative Mitmach-Spiele, Bastelanregungen, Rezepte, Rätsel und noch vieles mehr zu entdecken. Ein Extra-Elternteil enthält kostbare Anregungen für ein erfülltes (Familien-)Leben.

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Herzlich Ihr Eckehard Waldow

Prof. Dr. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt leitete den Bereich Neuroanatomie/Humanbiologie an der Uni- versität Bielefeld, Fakultät für Biologie. Spezielle For- schungsgebiete: unter anderem quantitative Immun- histochemie von Neurotransmittern und neuronale Netzwerke in der Entwicklung psycho-kognitiver Hirnfunktionen. In ihren Vorträgen setzt sie sich kri- tisch mit der Wirkung digitaler Medien auf das Ge- hirn auseinander. Der Text entstand unter Mitwir- kung von Ingo Leipner. – Fotos: pixabay.

Unser Jahreszeitentisch

„Das macht nicht Mama, das macht sich von alleine!“

In vielen Familien, Kindergärten und Schulen kann man ihn finden: den Jahreszeitentisch. Er ist ein beliebtes Mittel mit Kindern den Jahreslauf zu erleben.

So viele habe ich schon gesehen und so viele Anregungen und Anleitungen gibt es dafür, aber doch ist jeder anders, so wie auch jeder Mensch anders ist und jeder Baum oder Strauch oder jedes Tier.

Der Anfang

Um selber einen Jahreszeitentisch zu gestalten, braucht man eigentlich nicht viel. Am wichtigsten ist es, einen Ort zu finden, der gut gesehen wird. Bei uns ist es eine breite Fensterbank. Eine Kommode, ein Regalbrett an der Wand oder ein kleiner Schrein sind auch sehr schöne Orte dafür. Es sollte ein Ort sein, der nur dafür genutzt wird. Ich denke „Mutter Erde“ würde es nicht so gerne mögen, wenn sie plötzlich einen Schlüsselbund in ihrem Reich findet, auch wenn er da nur ganz kurz liegt.

Hat man einen schönen Ort ausgewählt, reicht es für den Anfang, einfach nur ein schönes Tuch hinzulegen, einen kleinen Strauß und einen zur Jahreszeit passenden Tischkunstdruck oder eine Postkarte aufzustellen. Vielleicht haben Sie einen schönen Edelstein oder eine Druse dazu. Im Laufe der Zeit sammelt sich so allerhand, das dann jedes Jahr wiederkehren kann oder in verschiedenen Kombinationen andere Bilder ergibt.

Die Tücher bilden die Grundlage, um die Stimmung der jeweiligen Jahreszeit einzufangen. Es empfiehlt sich, einen Gegenstand zu haben, der immer auf dem Jahreszeitentisch zu finden ist. Gut eignet sich dafür eine Wurzel oder eine große Druse. Rund um diesen Gegenstand tummelt sich das Leben, und an ihm sieht man den Lauf der Jahreszeiten. Im Frühling sitzen erste Käfer auf der Wurzel, im Sommer kommen Vögel und Blumenkinder dazu und im Winter liegt vielleicht Schnee darauf.

Bei vielen ist „Mutter Erde“ die zentrale Figur. Sie weckt wie in dem Buch „Etwas von den Wurzelkindern“ im Frühling ihre Wurzelkinder, die dann nach und nach zu Blumen werden und sich im Herbst langsam wieder zurückziehen.

Kinder lieben den Jahreszeitentisch; die kleinen das Geheimnisvolle und die größeren das aktive Mitgestalten. Auch wenn der Jahreszeitentisch sich eigentlich ganz von selber verändert, ohne dass die Kinder es mitbekommen, ist es toll, wenn schöne gesammelte Dinge von draußen dort einen Platz finden. So merken die Kinder, dass sie wirkliche Schätze gefunden haben, die sie der Mutter Erde vor die Füße legen dürfen.

Die Gestaltungsmöglichkeiten sind sehr groß. Es gibt viele Anregungen und Ideen. Aber ob der eigene Jahreszeitentisch voll ist mit Blumenkindern, Zwergen, Elfen, Tieren oder ganz einfach gehalten ist, nur mit einem Tuch, einem Blumenstrauß und einem schönen Kunstdruck, muss jeder für sich sehen. Jeder Jahreszeitentisch sieht anders aus und passt genau richtig zu der Familie, Klasse oder Kindergartengruppe.

Wozu ein Jahreszeitentisch?

Der Jahreszeitentisch bringt das Geschehen draußen in der Natur in unsere Wohnzimmer und zeigt uns die Veränderungen, die sich bei den Pflanzen jedes Jahr im gleichen, kontinuierlichen Lauf vollziehen. Als ich noch ein Kind war, war es für mich aber immer auch ein Stück Voraussicht, was bald geschehen wird. Wenn die Mutter Erde mit ihren Kinderlein kam, wusste ich, bald werden die Blumen anfangen zu sprießen und zu blühen, der Sommerbaum leitete den Sommer ein und König Winter sagte mir, jetzt ist es Zeit zum Schlitten fahren. Ob dann wirklich der Schnee kommt ist leider eine andere Frage, aber ich wusste, es ist Zeit dafür.

All diese Figuren, die im Laufe des Jahres auf unserem Jahreszeitentisch erschienen, haben mir aber auch immer die Gewissheit gegeben, dass es auf unserer Erde auch Wesen gibt, die man nicht immer sehen kann. Ich hatte leider noch nicht das Glück einen Zwerg oder eine Elfe mit eigenen Augen zu sehen, trotzdem habe ich keine Sekunde daran gezweifelt, dass es sie gibt. Und zum Glück tauchten sie immer wieder auf unserem Jahreszeitentisch auf.

Heute darf ich selber einen Jahreszeitentisch für meine Kinder gestalten. Und es macht wirklich Spaß, denn ich merke, es kommt viel von den Kindern zurück. Noch ist er etwas „Heiliges“, etwas zum Anschauen, aber nicht zum Anfassen. Einmal sagte jemand zu meiner Tochter, als sie etwas von unserem Jahreszeitentisch herunter nehmen wollte: „Das musst du da stehen lassen. Da hat sich deine Mutter viel Mühe mit gemacht.“ Meine Tochter antwortete daraufhin empört: „Das macht nicht Mama. Das macht sich von alleine.“

Ein Jahreszeitentisch ist einerseits ein Ort der Ruhe und Beständigkeit. Er ist da und kann bestaunt und wahrgenommen werden. Andererseits zeigt er uns Veränderungen und Lebendigkeit im Jahreslauf. Meistens verändern sich die Dinge dort sehr sachte und nicht immer sofort sichtbar. Aber trotzdem passiert etwas, sodass im Sommer kein König Winter mehr dort steht, sondern vielleicht ein einladender Teich an dem sich Enten tummeln und Blumen sprießen.

Die vier Jahreszeiten

Für den Frühling ist es gut, Tücher in hellen Grüntönen als Grundlage zu nehmen. Eine Ecke kann man ein bisschen hochziehen, sodass sich dort eine kleine Höhle, oder ein Hintergrund bildet, wo man beispielsweise die Wurzel platzieren kann. Im ganz frühen Frühling kommt Mutter Erde und weckt eins nach dem anderen ihre schlafenden Wurzelkinder. Aus den kleinen Geschöpfen werden allmählich Blumenkinder. Die ersten Käfer krabbeln im Gras und in einer Vase stehen Weidenzweige mit den ersten Weidenkätzchen. Auch Frühblüher wie Forsythie sind ein toller Schmuck auf dem Jahreszeitentisch. Zu Ostern kann man bunt bemalte Eier an die Zweige hängen und Küken, Häschen oder Lämmchen im Gras verstecken. Im Frühling werden auch die Vögel wieder lauter. Manche kommen von einer großen Winterreise wieder. So kann man Nester bauen und dort kleine Vögel hinein setzen.

Im Sommer sind die Tage lang und wir feiern Sommerfeste und Johanni. Für viele Familien ist der Sommer Urlaubszeit. Auch auf unserem Jahreszeitentisch wird es grüner, bunter und lebendiger. Den Unter- oder Hintergrund kann ein grünes Tuch bilden. Darauf kann eine Waldlandschaft, eine Blumenwiese, oder mit Hilfe eines kleinen blauen Tuches oder einer Wasserschüssel ein kleiner See entstehen. Tiere kommen aus einem Wald, Vögel sitzen in den Bäumen, eine Blumenwiese wird von bunten Blumenkindern bevölkert, ein kleines Erdbeerkind sitzt in einem Wagen, ein paar Bienen schwirren über einem Blumenstrauß oder eine Pferdekutsche fährt über ein Feld. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zu Johanni kann ein Feuer „entzündet“ werden.  Ein Feuer lässt sich ganz einfach mit Stöckchen und roter, gelber sowie orangener Wolle gestalten. Es müssen aber nicht unbedingt Menschen um das Feuer tanzen. Auch Elfen, Feen und Zwerge freuen sich, um ein Johannifeuer tanzen zu dürfen. Während der Sommerferien  kann auf dem Jahreszeitentisch eine Urlaubslandschaft entstehen. Ein blaues Tuch mit einem Streifen Sand, lassen uns sofort an Möwengeschrei, Meeresgeruch, Muscheln sammeln und unseren Badeanzug denken.

Der Herbst bringt uns leuchtend bunte Blätter, viele reife Früchte und tolle Erntefeste. Jetzt werden die Tage wieder kühler, oft auch nasser und der Wind treibt die Zugvögel wieder in den Süden. Auf unserem Jahreszeitentisch halten Rot-, Gelb- und Orangetöne Einzug. Sträuße aus Kornähren, Gräsern, Hagebutten oder Strohblumen können Verstecke für kleine Mäuschen sein, die sich einen Wintervorrat anlegen. Eine Mühle kann Sinnbild für die Erntezeit sein. Aber auch kleine Äpfel, Maiskolben, Pilze, Eicheln, Kastanien und Nüsse läuten den Herbst auch auf dem Jahreszeitentisch ein. Bunte Drachen schaukeln im Wind und viele Tiere bauen sich Höhlen für den Winter. Zur Michaelizeit ist eine Waage schön, in deren einen Schale ein Feldstein liegt. In die andere Schale kann man jeden Tag einen kleinen Edelstein legen, sodass sich irgendwann das Gewicht verschiebt. Aber auch ein Drache und ein Engel oder auch nur eins von beidem sind ein tolles Bild im Herbst. Am Ende der Herbszeit wartet Sankt Martin darauf auf seinem Pferd mit einer Laterne in der Hand zu reiten und dem Bettler den warmen Mantel zu reichen. Wir können uns nun auf eine Zeit der Einkehr und der Lichter freuen.

Der Winter ist die dunkelste Zeit im Jahr, in der wir es uns besonders gerne gemütlich machen. Für viele Kinder wird der Jahreszeitentisch in dieser Zeit als besonders spannend empfunden, spiegelt sich doch hier die Adventszeit und damit auch die Weihnachtsgeschichte wieder. Der Engel erscheint, Maria und Josef machen sich auf den Weg nach Betlehem und die Hirten wachen bei ihren Schafen. Zeremonien und Abläufe gibt es sehr viele verschiedene. Fast jede Familie hat ihre eigenen. Nach der Advents- und Weihnachtszeit kommt gerne der König Winter auf den Jahreszeitentisch und bringt uns den Schnee mit und alles was dazu gehört. Ein neues Jahr beginnt und mit ihm neue Kraft und gute Vorsätze. Es ist nach wie vor kalt, aber Schnee und Eis hellen das Dunkle etwas auf. Auf einem zugefrorenen See können Kinder Schlittschuh laufen und im verschneiten Garten steht ein Schneemann. Irgendwann kommt Frau Tau und Schnee und Eis werden weggefegt. Nun wird bald Platz für Mutter Erde und ihre Kinder gemacht.

Mit größeren Kindern kann man viel zusammen machen. Zu Ostern Ostergras aussähen, kleine Hasen filzen oder kneten, Eier bemalen und vielleicht auch Blumenkinder nähen. Die Kinder freuen sich aus dem Urlaub gesammelten Muscheln auf den Jahreszeitentisch legen zu dürfen, oder bunte Kiesel und Zapfen, die sie in den Bergen oder im Wald gefunden haben, in die Landschaft mit einbringen zu können. Im Herbst kann man wunderbar Eicheln, Kastanien und Erntegaben sammeln, die ihren Platz auf dem Jahreszeitentisch finden. Auch eine Mühle, die Michaeliswaage oder ein Pferdewagen kann man mit Kindern zusammen bauen. Wie stolz werden die großen Kleinen sein, ihre Werke auf dem schönen Tisch wiederzufinden. In der Adventszeit können Sterne, kleine Schafe für die Hirten, Engelchen aus Wolle oder kleine Gaben für das Christkind gebastelt werden. Auch schöne Schneeflocken aus Draht oder Papier sind tolle Zugaben für den Jahreszeitentisch. Den Kindern fällt eigentlich immer etwas ein. Manchmal muss man als Eltern auch offen für etwas Neues sein und der Kreativität der Kinder freien Lauf lassen.

Für kleinere Kinder ist es toll, wenn immer wieder etwas dazukommt oder sich verändert. Ganz von alleine, ohne dass es jemand sieht.

So vielfältig, lebendig und manchmal auch sehr aufwendig ein Jahreszeitentisch werden kann, so einfach darf er auch sein. Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die uns zeigen wie großartig die Natur ist.

 

Daniela Drescher „Vier Jahreszeiten“

 

Dieser Text von Hanna Waldow entstammt dem Elternteil von VORHANG AUF Heft Nummer 114 „Tierkinder“. So wie der Jahreszeitentisch begleitet Sie auch VORHANG AUF durch die vier Jahreszeiten. Fernab von Computer, Smartphone und Co lädt VORHANG AUF dazu ein, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken. Durch wunderschöne Illustrationen namhafter Künstler wird jede Ausgabe zu einem kostbaren Schatz. Liebevolle Geschichten, spannende Rätsel und Experimente, kreative Bastelbögen, lustige Spielanregungen für Drinnen und Draußen und vieles mehr beflügeln die Phantasiekräfte der fünf- bis 14-Jährigen. Ein separater Elternteil begleitet die Familien mit inspirierenden Anregungen durch das Jahr.

Wenn Sie VORHANG AUF unverbindlich kennenlernen möchten, bestellen Sie jetzt ein kostenloses Probeheft. Sie zahlen lediglich 3,90 Euro für Porto und Versand.

In unserem Onlineshop finden Sie passend zu den vier Jahreszeiten zauberhafte Tischbilder aus festem Karton zum Aufstellen, Postkarten renommierter Künstler sortiert nach Jahreszeiten sowie handgefärbte Tücher aus feiner Baumwollgase.

 

Herzlich

Ihr Eckehard Waldow

Tierliebe

Über Triebe und Denken

Tierliebe ist etwas Positives – nicht wahr?

Wer liebevoll mit Tieren umgeht, wer sie hegt, pflegt, streichelt und beschützt, ist (zumeist) auch gut zu Menschen, liebt die Welt und schützt die Umwelt.

Haustiere sind pädagogisch wertvoll, darum geben wir unseren Kindern gern Hunde, Katzen, Pferde, Hamster, Kaninchen oder Goldfische zum Gefährten. Kinder erfahren dadurch Freundschaft zum Tier und vom Tier, lernen ihr Wesen und ihre Eigenarten kennen, üben sich in Verantwortung für ihr Tierchen und bereiten sich dadurch auf ihr Erwachsenenleben vor – in Verantwortung für sich selbst und die ganze Mitwelt.

Tierliebe ist nicht jedem Menschen selbstverständlich mitgegeben, sondern wohl stark vom Kulturkreis, von der Weltanschauung abhängig. So sind Hunde und Katzen in Mitteleuropa meist geliebte Haustiere und Freunde, aber schon in Südeuropa, in Spanien laufen sie zu abertausenden halbwild durch die Gegend, werden als lästig angesehen und oftmals grob vertrieben, wenn sie den Menschen zu nahe kommen, eher unseren Ratten vergleichbar als unseren Hausgenossen, und in China werden Hunde emotionslos als Nahrungsmittel betrachtet und aufgegessen, so wie bei uns die Schweine.

Im Buddhismus herrscht allen Tieren gegenüber die Grundhaltung des Mitgefühls, die Liebe zum Mitgeschöpf. Ein asiatischer Orden geht dabei soweit, dass jeder Mönch einen weichen Staubwedel trägt und den Boden vor seinen Füßen freifegt, um nicht auf Insekten zu treten… Die Beispiele und Unterschiede können in verschiedenen Kulturkreisen unendlich weiter ausgeführt werden, und ein Urteil wie: „Man kann doch keine Hunde und Affen essen, das ist doch unmenschlich!“ sind eindeutig vom Kulturkreis abhängig; mit gleicher Berechtigung kann man die Mast von Gänsen um „leckerer Luxus-Leberpastete“ willen oder die qualvolle Massenaufzucht von Schweinen, Kühen und Hühnern verurteilen – nur gilt letzteres in Europa als „normal“; Tierliebe findet woanders statt – und unser alltägliches Schnitzel kommt doch aus dem Supermarkt.

Ob Tiere Freunde, eine Ware, ein Ding oder wilde Tiere böse Feinde sind, hängt also von meiner Kulturumgebung, meiner Weltanschauung ab, von meinem Tierbild, von der Antwort auf die Frage: Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Für mich ist eines wesentlich: Der Mensch kann zwischen Gut und Böse unterscheiden, das Tier kann und muss das nicht. Wenn ein Löwe ein Zebra zerfleischt, zerlegt und zerfrisst, ist er nicht böse, sondern folgt seinem Trieb, seinem Instinkt – und der ist nicht individuell von seiner Ethik abhängig, sondern der Gattung Löwe unabänderlich eingegeben. Wenn der Mensch sich ebenso verhält, könnten wir ihm Gier und Grausamkeit zuschreiben – er wird im Gefühlsleben zum Bild eines Löwen. Die List des Fuchses, die Gier des Wolfes, das Diebische der Elster oder die Harmlosigkeit des Hasen gehören also nicht den Tieren an, sondern dem Seelenleben des Menschen, wenn er als „freies“ Wesen die Eigenarten von Tieren ungezügelt auslebt. Um zum Menschen zu werden, müssen wir unsere Triebe und Instinkte in Bahnen lenken, in die Bahnen, die wir unserer Weltanschauung nach, für gut halten; wobei wir diese Anschauung im besten Fall nicht mehr unserem Kulturkreis entnehmen, sondern erst nach Prüfung unserer Erziehungs- und Umwelteinflüsse frei wählen.

Das Lenken der Triebe und Wünsche findet durch Erziehung und Selbsterziehung statt. Und die findet statt durch das Denken. Vordergründig durch die Gedanken, durch die Inhalte des Denkens – die aber nicht das Denken selbst sind! Denn wenn wir unsere Gedanken beobachten – und das ist der wesentliche erste Unterschied zwischen Mensch und Tier: das Tier kann keine Gedanken beobachten – dann stellen wir fest, dass es hinter den Inhalten eine Gedankenform gibt, in der die Gedankeninhalte erscheinen, so etwas wie eine Kuchenform, in die der Teig hineinfließt, und dahinter erst das Denken selbst, die Kraft, die die Form herstellt und die Inhalte hineinlegt! Das kann jeder Mensch im Selbstversuch nachvollziehen, wozu es im Alltag allerdings meist nicht kommt, weil das Naheliegende diesen Prozess überdeckt. Und doch findet er immer statt und ist die geistige Quelle, aus der heraus wir Mensch sind. Dort, an der Nahtstelle zwischen Seele und Geist, die wir kennenlernen, indem wir uns täglich ein paar Minuten ungestört darauf konzentrieren, erwächst uns die Kraft, weltanschauliche Urteile zu fällen und uns in ein brüderliches Verhältnis zum Tier zu versetzen.

Der Mensch hat in der physischen Entwicklungsgeschichte ein höheres Gehirnsystem als das Tier herausgebildet – eben das Instrument, die physische Grundlage des Denkens. Bruder Tier lebt ohne dieses Instrument neben uns – nutzen wir es, um menschliche Tierliebe zu entwickeln! Die bedrohte Tierwelt braucht heute diesen Schritt von uns!

Herzlich

Ihr Eckehard Waldow

Aus dem VORHANG AUF Elternteil Heft 51

 

Christane Lesch „Spielende Fohlen“

Unsichtbar

Über Gedanken und Zwerge

 

Gedanken sind unsichtbar! Erinnerungen sind unsichtbar! Willensimpulse sind unsichtbar! Und doch erleben, sehen, fühlen wir sie – und sie bestimmen und gestalten unser Leben!

Stellen wir diesen Gedanken einmal ganz deutlich vor uns hin: Das Unsichtbare gestaltet unser Leben! Erst nachdem es unsichtbar in uns gewirkt hat, tritt es durch unsere Handlungen ins Äußere und damit ins Sichtbare! Das ist keine Spekulation, kein esoterischer Hinweis, keine weltanschaungsabhängige Meinung – das ist alltäglich erlebte Tatsache!

Daniela Drescher „Zwergenmützen“

Trotzdem wird das Unsichtbare gegenüber dem Sichtbaren in weiten Kreisen gering geschätzt. Das führt zu Fehleinschätzungen des menschlichen Lebens. Wie anders wäre unsere Welt, wenn das Bewusstsein der Kraft des Unsichtbaren, der Liebe, des Mitgefühls und der Zuversicht an erster Stelle stünde, wenn dieses Bewusstsein die Konferenzen aller Parlamente dieses Planeten bestimmte? – Etwas entschieden Anderes träte in die Sichtbarkeit.

Auch negative Kräfte wie Sorgen, Angst, Eifersucht, Neid, Wut oder Machtgier sind unsichtbar und zeigen sich der äußeren Welt erst durch die Taten ihrer Träger. Ob unser Leben, ob unsere Welt sich ins Helle oder ins Dunkle entwickelt, hängt wesentlich von unserer inneren (unsichtbaren) Kraft ab, unsere Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und aus eigener Ent-Scheidung zu gestalten.

Daniela Drescher „Schätze der Erde“

Die Fähigkeit nun, im unsichtbaren Inneren selbstbestimmt einzugreifen, hängt davon ab, ob wir uns überhaupt unserem Innenraum zuwenden und darauf vertrauen, dass wir ihn verändern und gestalten können. Mancher hat da ein Urvertrauen – und Selbsterziehung, Lebensgestaltung und Mitgefühl für die Anderen und die Erde fließen erfolgreich aus seinen inneren Impulsen in die Sichtbarkeit. Andere verbrauchen fast die gesamte Energie am Selbstzweifel – und trotz aller Bemühungen tritt das Gewünschte nicht ins Sichtbare ein.

Das eine oder andere hat viel mit der Kindheit zu tun, hat viel mit dem Vorbild der Eltern und Erzieher zu tun: Wenn Erwachsene ihr (unsichtbares) Ich als Gestaltungskraft einsetzen, ahmt das Kind diese Kräfte nach, bevor sie noch ins Sichtbare treten. Lebensbestimmend ist das Vertrauen in die Wirksamkeit des Unsichtbaren.

Daniela Drescher „Pilzzwerge“

Aber wie kann ich ein solches Vorbild abgeben, wenn ich selbst dieses Vertrauen nicht in der Kindheit bekommen habe, und an mir und meiner Kraft zweifele? Die gute Nachricht ist, dass ich mich jederzeit neu besinnen, neu ergreifen und verändern kann. Jeder und jederzeit.

Auch Zwerge sind unsichtbar, es sei denn wir erhaschen ihre Tarnkappe oder sie selbst wollen sich von auserwählten Menschen sehen lassen. Zwerge sind bildhafte Vorstellungen von Kräften, die in der Natur bestimmen und gestalten, so wie unser Denken, unser Fühlen und unser Wille unsere Biografie bestimmen und gestalten.

Daniela Drescher „Heimweg“

Wenn wir unseren Kindern von Zwergen erzählen, geben wir ihnen Bilder vom Unsichtbaren und stärken ihr Vertrauen in dessen Kräfte. Zwerge sind nicht unbedingt „gut“. (Manchmal verstecken sie auch Schlüsselbunde…). Aber die Märchenwelt will unseren Kindern ja gar nicht nur vom „Guten“ erzählen, sondern vom Vertrauen in die Kraft, die Licht und Dunkel vereint und auf eine neue Stufe hebt.

Letztlich steht hinter allen mythologischen Bildern, ob Zwergen, Drachen oder Königen der eine Aufruf: Gib deinen Gefühlen und Gedanken eine Richtung, in der du dir deiner Seele und deines Geistes so bewusst wirst, wie du dir bisher deines Leibes bewusst bist. Daher sagt mir jedes Bild des Unsichtbaren: Erkenne dich selbst als Teil der unsichtbaren Quellkraft – und nutze diese Kraft zum Wohle der Welt.

Herzlich

Ihr Eckehard Waldow

Dieser Text entstammt dem Elternteil von VORHANG AUF Heft Nummer 112 „Zwergenwelten“.

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Eine Kindergeschichte für Erwachsene

Alma und das Einhorn

 

Alma war sieben und schon groß genug, den Weg zur Schule allein zu finden. Der Weg war nur drei Straßen und zwei Ecken weit, das findet man doch leicht. Und Alma war sowieso so eine, die alles gern allein schaffen wollte.

Sie war gerade auf der Hälfte des Weges, als ein Einhorn an ihr vorbeiging.

Ein richtiges Einhorn mit langem Schweif und weiß glänzendem Fell. Das trabte auf dem Gehweg an ihr vorbei und das Fell streifte ihre Jacke.

Bild: Christiane Lesch

Den Rest des Weges rannte Alma, was sie konnte. Sie wollte so schnell wie möglich in die Schule um ihrer Lehrerin von dem Einhorn zu erzählen.

Sie sprang in das Schulhaus, lief in den Raum der 1. Klasse und rief schon von der Tür aus: „Frau Schlomp, Frau Schlomp, rate mal, was ich eben gesehen habe!“

„Na, na, na! Nicht so wild, Alma! Erst einmal sagt man `Guten Morgen`. Frau Schlomp schaute ihr mit ernstem Lehrerblick in die Augen, dann sprach sie: „Nun, was wirst du gesehen haben? Den Müllwagen vielleicht?“

„Nein, nein, viel toller: Gerade ist ein Einhorn an mir vorbeigetrabt, ein echtes Einhorn!“

„Alma, du übertreibst wieder einmal maßlos. Das wird ein Pferd gewesen sein,“ entgegnete die Lehrerin.

„Nein, wirklich! Es war ein Einhorn! Es hatte ein wunderschönes Horn auf der Stirn und einen sooo langen Schweif!“ Alma breitete die Arme aus, soweit es ging.

Entschieden sprach die Lehrerin: „Jetzt reicht es! Es gibt keine Einhörner. Ich habe dir schon oft gesagt, dass ich deine Lügen nicht leiden kann. Ein Pferd war es und damit basta!“

Alma zog murrend ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Dann murmelte sie vor sich hin: „Ich hab es ja gesehen und nicht du. Ein Einhorn war es, ein ganz richtiges!“

Jetzt wurde die Lehrerin zornig: „Alles kann ich ausstehen, nur keine Lügen! Du weißt, der liebe Gott hört alles und sieht alles! Heute Abend, wenn du im Bett liegst und betest, denke daran. Und bitte den lieben Gott um Verzeihung! Vergiss es nicht. Ich frage dich morgen früh. Und jetzt setze dich auf deinen Platz, der Unterricht beginnt!“

Bild: Jutta Waldvogel

Am nächsten Morgen sprang Alma fröhlich zur Klassentür herein und reichte ihrer Lehrerin die Hand. „Guten Morgen Frau Schlomp!“

„Guten Morgen Alma. Nun? Hast du gestern Abend mit dem lieben Gott gesprochen?“

„Ja, Frau Schlomp!“

„Und?“

Alma strahlte: „Ich habe es ihm genau erzählt. Und er war auch der Meinung, dass es ein Einhorn war!!!“

Bild: Cornelia Haendler „Einhorn“

Was hat Alma „wirklich“ gesehen? Ein Einhorn, ein Pferd, oder hat sie die „Einhornenergie“ eines weißen Pferdes als echtes, wahres Bild aufgenommen?

Was wäre dann Lüge, was wäre Schein und was wäre Wahrheit?

Vorhang Auf für die Phantasie!

Bild: Cornelia Haendler

Dieser Text und die Bilder entstammen dem VORHANG AUF Heft Nummer 103 „Das Einhorn“.

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Liebe Suchende,

das Einhorn ist ein Bild für die Ausbildung unserer geistigen und spirituellen Potentiale, ein Bild für Sanftmut, Friedfertigkeit, Geduld und Klarheit, für die Fähigkeit der Prophetie, für die uns innewohnende Heilkraft und für selbstlose Liebesfähigkeit. Das lichthafte Horn auf seiner Stirn symbolisiert die Kraft des Stirnchakras, jenes Energiezentrums, das auch als „Drittes Auge“ bekannt ist.
Das Einhorn erscheint zur Zeit wieder vermehrt. In künstlerischen Zusammenhängen, in kitschigen Zusammenhängen, als Bild, als Symbol und – als Erlebnis.
Ab jetzt werden auch Sie vermehrt Einhörner wahrnehmen, Ihre Aufmerksamkeit dafür wird höher sein. Es lohnt sich, sich mit Einhörnern zu beschäftigen.
Einhörner sind mächtige Helfer, im spirituellen Leben, in der Erziehung, im Alltag – allerdings nur…

…wenn wir selbst zum Einhorn werden.

Ihr Eckehard Waldow

„Eine außergewöhnliche Zeitschrift für die Kinder der ersten fünf Schuljahre.“

Henning Kullak-Ublick, Vorstand Bund der Freien Waldorfschulen

„In Vorhang Auf durfte ich meine ersten Bilder veröffentlichen und bin dieser Zeitschrift sehr verbunden. Dieser farbenreiche Begleiter ermutigt unsere Kinder, ihre eigene Phantasie zu entdecken und zu entfalten.“

Daniela Drescher, Malerin und Kinderbuchautorin

Ich schreibe Ihnen heute, weil ich einmal von ganzem Herzen DANKE sagen möchte. […] Die schönen Geschichten und Bilder sind einfach eine Wohltat für die Seele!

Annett Hoffmann-Flohrer, Rodewisch

Mit Ihrem schönen, märchenhaften Heft und den überaus herrlichen Bildern fühle ich mich sofort in eine Märchenwelt versetzt […] einfach wunderbar!

Waltraud Maurer, Ulm

Bleiben Sie wie Sie sind! Es gibt in dem riesigen Medienumfeld nichts vergleichbar Inhaltliches und Qualitätsvolles  wie Ihre Zeitschrift.

Sabine Dietrich, Berlin

Die Beiträge sind mit Liebe und zum Wohle für das Kind gestaltet. Leider habe ich in der Schweiz bis jetzt nichts Vergleichbares finden können.

Nicole Maibach Koch, Schwarzenbach (CH)

Die Zeitschrift berührt die Seele.

Sandra Wolfram-Bornschier, Pfaffroda

Meine Kinder konnten keine Waldorfschule besuchen, und so war es für mich ein Anliegen, ihnen Vorhang Auf in die Hände zu legen.

Diese Lektüre haben sie sehr geliebt, und ich habe das Gefühl, dass sie ohne „Vorhang Auf“, nicht das geworden wären, was sie heute sind, nämlich denkende, einfühlsame junge Menschen. Danke!

Michaela Ebensberger, Mühlbach (Südtirol)

Ich fühle, dass die Bilder/Artikel mir und meinen Kindern gut tun […] Die Zeitschrift ist nicht nur eine Zeitschrift, sondern so etwas wie ein Buch, das ich niemals wegwerfen könnte.

Christiane Weyer, Sehnde